Komödie Des Daseins

Es wird frivol zu- und hergehen in den Räumen des Kunsthauses Zug. Vielleicht nur ein bisschen derb. Womöglich ausgelassen oder verkorkst. Mitunter tief traurig.
Die Ausstellung lehnt sich an den Philosophen Friedrich Nietzsche an, der das ungeheuerliche Leben als Komödie des Daseins beschreibt. Freie Geister müssten lachen können, auch über sich selbst. Man brauche dafür eine heitere Kunst genauso wie den Narren, damit man bei all den Dingen seine Freiheit nicht verliere und wie Tänzer und Kinder schweben, spotten und spielen könne. Das zeigt die Lust von Kunstschaffenden am clownesken Spiel mit sich selbst.
Spätestens der tragische Anschlag auf die Redaktionsräume des Pariser Satiremagazins Charlie Hebdo hat die alte Frage nach Humor in freiheitlichen Demokratien neu aufkochen lassen.
Das Kunsthaus Zug schickt die Besuchenden in Siebenmeilenstiefeln durch die Kunstgeschichte des Humors. Seit 2011 recherchiert eine Arbeitsgruppe aus dem Haus mit Studierenden und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Beziehungen von Kunst und Humor und geht zurück bis zu den Griechen, überschlägt sich in Um- und Irrwegen übers Mittelalter zur Reformation und bestreitet die Materialschlacht im letzten Jahrhundert und im Heute.
Literatur, Musik und Philosophie sind einbezogen, Theater, Varieté und Kino. Die Reise führt zum Lachen in der Kirche, zum Strassentheater und an die Fasnacht. Geschlechterbeziehungen und gesellschaftliche Unterdrückung, Auseinandersetzung mit dem Körper und mit dem Tod sind Konstanten. Klar ist: Die Betrachtenden sollen lachen. Ein vermeintliches Tabu im Museum wird gebrochen. Fragt sich, wer worüber lacht? Die Ausstellung gerät zum Experiment über das Besucherverhalten im Museum und zur Selbstkritik an seiner Autorität.
Über 300 Arbeiten versammelt die Komödie des Daseins – Leihgaben aus der Schweiz und aus Europa sowie Werke der eigenen Sammlung. Es ist eine Versuchsanordnung mit Vasen, Flugblättern, Zeichnungen, Zeitschriften, Gemälden, Skulpturen, Fotografien und Videos: Hier bleibt das Lachen im Halse stecken, da wird geschmunzelt über den Humor von Bruegel d. Ä. oder Goya, Ensor oder Klee, Daumier, Picasso oder Heartfield, Duchamp oder Warhol, Oppenheim oder Ai Weiwei. Manchmal stehen Situationskomik und Schrecken, Lust und Scham, Freude und Entsetzen nebeneinander, dicht an dicht.

Kuratiert von Matthias Haldemann

Lukas Hoffmann

Vergessen, verwahrlost. Kühl, menschenleer und unbeseelt: Wenn Lukas Hoffmann (*1981) durch Berlin radelt, dann sind es Randgebiete, die seinen Blick fangen. In Steinhausen im Kanton Zug aufgewachsen, hat es ihn nach seinem Studium in Paris nach Berlin geführt. Hier lebt er, hier findet er seine Sujets. Unterführungen, Hausecken, Baustellen. Hoffmann mag das Karge. Er behandelt das Nebensächliche mit derartiger Umsicht, dass Blickwinkel, Belichtung und Bildausschnitt den analogen Arbeiten eine grosse Präsenz und ästhetische Qualität geben und sie über sich hinauswachsen, bis sie den Betrachter an Malerei erinnern. Die Brachen und urbanen Randgebiete, abgestanden, provisorisch, übersehen, füllen seine Bilder mit Leben an.
Hat Hoffmann auf seinem Streifzug einen Ort gefunden, den er gerne mag, dann kehrt er zurück. Er arbeitet langsam, akribisch. Wetter, Jahreszeit, Lichteinfall: dem Zufall überlässt er nichts, er ist ein Konstrukteur.
Einer, der von Beginn weg analog gearbeitet hat, der seine Sache selbst macht, von der Dunkelkammer zur Vergrösserung und zur Rahmung. Ein Meister zudem der Techniken unterschiedlicher Kameras. Graustufen sind seine Klaviatur, er spielt sie bis seine Fotografien eine Flächigkeit oder Tiefe erhalten, wie er sie sich wünscht.
Die Besucher des Kunsthaus Zug konnten Hoffmann schon mehrfach in Gruppenausstellungen erleben. Im Frühjahr nun wird er seine fotografische Position in einer grossen Einzelausstellung darlegen und neue Arbeiten aus den letzten Jahren erstmals in der Schweiz zeigen. Neben urbanen Architekturen sind es erste Beispiele aus einem Experiment: Er fängt Passanten mit einer portablen, grossen Kamera ein.
In Zusammenarbeit mit dem Photoforum Pasquart und mit Le Point du Jour wird die Ausstellung auch in Biel und in Cherbourg-en-Cotentin, Frankreich, gezeigt. Dazu erscheint eine dreisprachige Publikation im Verlag Spector Books, Leipzig.

Kuratiert von Matthias Haldemann

Adrian Schiess

Zeitgleich zu den atmosphärisch eher kühlen Fotografien von Lukas Hoffmann zeigt das Kunsthaus Zug Farb-Malereien von Adrian Schiess (*1959 in Zürich) aus der eigenen Sammlung. Die Präsentation wird auch für den Künstler selbst ein Experiment sein – viele Werke werden erstmals gezeigt, manche in einer Art, wie Schiess dies bisher nicht getan hat.

Er wird sein Farbvokabular durchdeklinieren. Bei M wie Malerei oder wie maisgelb wird er innehalten, und mit ihm die Betrachter seiner grossen, lackierten Platte: Zwei auf drei Meter misst sie und lotet aus, was der junge Künstler in seinen Farbnotizen angelegt hat. Es waren die 1990er-Jahre in New York, als er Farbeindrücke zu sammeln begann.
426 Stück an der Zahl hat er über Monate hinweg zusammengetragen, kleine bemalte Kartonschnipsel oder Leinwände. Schiess wird diese Arbeit erstmals überhaupt präsentieren: Installativ auf Tischen, die er selbst konzipiert, performativ im Sinne seiner Tätigkeit im Atelier.
Die maisgelbe Tafel, die auf einem kleinen Farbmuster aus dieser Gruppe basiert, wirft maisgelbes Licht in den Raum zurück, maisgelb spiegelt sich in ihr die Welt, der museale Raum, seine Besucherinnen und Besucher. Je nach Blickwinkel des Betrachters, nach Lichtverhältnissen an unterschiedlichen Tageszeiten, verändern sie sich fortlaufend. An den Wänden hängen ‹Fetzen›, unregelmässig geformte bemalte Pappen. Farben und ihre Wirkung sind Schiess wichtig, nicht die virtuose Geste des Malens.
Es ist der Schenkung des Sammlers Christian Graber im Jahr 2015 zu verdanken, dass das Kunsthaus Zug eine grosse wichtige Werkgruppe besitzt. Graber ist seit Jahrzehnten mit Adrian Schiess befreundet. Ein intensiver Austausch, Atelierbesuche beim Künstler und Ankäufe reichen zurück in eine Zeit, bevor dieser in Galerien und Museen gefeiert wurde.

Kuratiert von Marco Obrist

VON DER FIGUR ZUM RAUM

Hans Aeschbacher | Alexander Archipenko | Joannis Avramidis | Helen Balmer |
Serge Brignoni | Trudi Demut | Hans Fischli | Karl Geiser | Hermann Haller |
Ilya Kabakov | Michael Kienzer | Friedrich Kiesler | Ödön Koch | Peter Kogler |
Friedrich Kuhn | Sara Masüger | Jakob Probst | Fritz Roth | Katharina Sallenbach | Bernhard Schobinger | Roman Signer | Josephine Troller | Richard Tuttle |
Andreas Urteil | Eva Wipf | Fritz Wotruba

Eine grosse Sammlungsausstellung wird das Jahresprogramm um mindestens eine Dimension erweitern – die dritte. Das spannungsvolle Wechselspiel zwischen Figur und Raum erhält eine Bühne. Materialien werden zu sehen sein, die ihre Bedeutung bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht verloren haben, Bronze etwa oder Stein, bis die Avantgarde das Wechselspiel zwischen Gegenständlichem und Ungegenständlichem auf den Plan rief und das Ideal vollendeter Harmonie hinterfragte und verwarf.
Gezeigt werden auch Schweizer Surrealisten, Serge Brignoni etwa, der zwar mit Stein arbeitete, sich aber von der menschlichen Figur löste. Oder Arbeiten von Josephine Troller, die Assemblagen aus Gebrauchsgegenständen herstellte. Letztlich auch Plastiken, die ihre Umgebung aktiv mitbestimmen: Skulpturen als gegenständliche Darstellung verdrängen nicht länger den Raum, in dem sie stehen. Sie nehmen ihn ein und nutzen ihn mit. Der Umraum wird aktiviert und vermessen. In Form von Luft etwa, wenn Roman Signer einen Ventilator installativ zur Kunst erhebt und Grenzen zwischen Kunstwerk, Raum und Publikum durchlässig und physisch erlebbar macht.
Neuerwerbungen und Schenkungen werden erstmals präsentiert: Solche von Schweizer Bildhauerinnen und Bildhauern wie Fritz Roth aus Cham im Kanton Zug (1945 – 2016), Eva Wipf, Katharina Sallenbach oder von Hans Aeschbacher beispielsweise, ein Freund Fritz Wotrubas, einer Schlüsselfigur der Sammlung, die in der Ausstellung natürlich ebenfalls ihren Platz finden wird. Erstmals wird in Zug auch Ilya Kabakovs Installation ‹Toilet in the Corner› zu sehen sein. Sie erinnert an Etagenklos sowjetischer Blockbauten, wenn da einer – der Künstler selbst – hinter einer Glastüre sitzt und singt.

Kuratiert von Marco Obrist

Projekt Sammlung (5) ROMAN SIGNER

Wo ein Rasenmäher ist, aber kein Rasen, da kann Roman Signer nicht weit sein. Ihm ist in den Räumen des Kunsthaus Zug und darüber hinaus eine grosse Einzelausstellung gewidmet. Es ist dies ein weiterer Schritt in einer langjährigen Zusammenarbeit. Die ‹Seesicht›, Signers architektonische Skulptur an prominenter Lage am Zuger Seebecken, ist zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden.

Mit grosszügigen Schenkungen der leider im Januar dieses Jahres verstorbenen Christine Kamm-Kyburz, ihrem Ehemann Peter Kamm sel. und des Künstlers selbst, darf das Kunsthaus Zug die wohl umfassendste Signer-Sammlung zu seinen Schätzen zählen. Damit ist die Ausstellung Teil des Projekts Sammlung, mit dem das Kunsthaus Zug langjährige Zusammenarbeiten mit internationalen Künstlern.

Signers Werke erklären sich gerade so weit, dass es die Fantasie anzuregen vermag. Seine Skulpturen sind seine Worte, wie er sagt: Ein Rasenmäher und ein Fass, ein Stiefel, ein Quadrokopter und ein Kajak. In immer neuen Kombinationen entwickelt er prozesshaft Bausätze weiter zu neuen Werken. Aus den Worten werden immer neue Sätze. Damit diese funktionieren, braucht es bisweilen Wasser, Wind, Feuer oder Sand; immer braucht es die Gedankenwelt der Betrachtenden, die den Blick des Künstlers auf das Absurde am menschlichen Dasein freilegt.

Es werden neue, in der Schweiz nie präsentierte Arbeiten gezeigt. Wer den Sprengstoff-Signer mag, wird in diesen neuen Arbeiten seinen Humor wiederfinden, selbst wenn der leise daherkommt. Das Spektakel nämlich ist nur ein Aspekt, der konzeptionelle Überbau ist ein weiterer. Hinzu kommt eine zarte Poesie, die an die Grundfeste des Menschseins rührt.

Kuratiert von Matthias Haldemann

My mother country – Malerei der Aborigines

Draussen wird es allmählich kühl, nass und grau, drinnen leuchten warme Farben von weit her: aus Australien. Grossformatige, meist abstrakte Bilder, erdig und sinnlich. Die freien, farbintensiven, gestischen Arbeiten wirken verblüffend modern und zeitgemäss und künden doch geheimnisvoll von Ritualen und einer grossen Verbundenheit zur Kraft der Natur.
Die Vergangenheit des Gebiets, von dem diese intensiven Farben her leuchten, ist eine dunkle. Es ist das Northern Territory und konkret die Umgebung von Alice Springs, wo Aborigines in Reservate versetzt wurden. In weitläufigen Wüstenstreifen haben entwurzelte Menschen mit Pinsel, Farbe und Leinwand ihre Identität auf individuelle Weise neu zum Ausdruck gebracht. Hierher war 1971 der australische Kunstvermittler und Künstler Geoffrey Bardon mit den Malutensilien gereist: Erst arbeiteten Kinder damit, bald auch Erwachsene. Er hatte Interesse für die eigenen ästhetischen Vorstellungen der Aborigines, ihre Mythen, das Malen auf Körpern, im Sand und auf Stoff – für ihre Herkunft. Die neuen kraftvollen Bilder auf Leinwand wurden in Kunstkreisen bald hochgeschätzt und sind heute in den bedeutenden Kunstmuseen Australiens ebenso vertreten wie in Kunstsammlungen in den USA und in Europa.
Ins Northern Territory reiste auch das Ehepaar Joëlle und Pierre Clément, das heute in Zug wohnt. Immer wieder sind sie seit den späten 1990er-Jahren in die Gebiete der Aborigines in der Region von Alice Springs zurückgekehrt, um den Urheberinnen und Urhebern der Werke zu begegnen und in persönlichen Kontakten zu jener hochkarätigen Auswahl zu gelangen, die sie im Kunsthaus Zug erstmals vorstellen. Es ist überhaupt die erste thematische Präsentation von moderner Aborigines-Malerei in einem Schweizer Kunstmuseum, nachdem deren Bedeutung im zeitgenössischen Kunstkontext in wichtigen Kunst-Instituten in London, München, Hannover, Köln und Wien aufgezeigt wurde. Die Präsentation der Sammlung Pierre und Joëlle Clément im Kunsthaus Zug umfasst rund 80 sorgsam ausgewählte Werke von 50 Künstlerinnen und Künstlern aus der Zeit von 1998 bis 2008. Sie vermittelt einen hervorragenden Eindruck von der Vielfalt und besonderen Intensität der neuen Papunya-Malerei der Northern Territory bis zur Gegenwart.

Eine der wichtigsten und international gefeierten Vertreterinnen der ersten Stunde ist in einer gesonderten Einzelausstellung zu sehen: Emily Kame Kngwarreye (1910 – 1996). Sie wuchs in Utopia (Region Alice Springs) auf und lebte und arbeitete nach der Zeit der Reservate auf einer Farm, wo ihr künstlerisches Potential gefördert wurde. Ihr bedeutendes malerisches Werk auf Leinwand ab 1988/89 wurde weltweit gezeigt, so an den Biennalen in Venedig 1997 und 2015, und ist in Sammlungen bedeutender australischer und US-amerikanischer Kunstmuseen vertreten.
Mit zwanzig ausgesuchten Gemälden unterschiedlicher Werkphasen, darunter mehrere Grossformate, aus zwei australischen Privatsammlungen wird die Künstlerin erstmals in Europa im Kunsthaus Zug in einer Einzelausstellung exklusiv vorgestellt.

Kuratiert von Matthias Haldemann