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Friederich Kiesler. Studie zur Salle de Superstition mit «Figue Anti-Tabou», 1947

Kultureller Code der «Figue»

Kiesler wurde in einer Stadt geboren, die einst Czernowitz hieß (heute Czernowitz, auf dem Territorium der Ukraine). Auch heute noch werden die Menschen, die auf dem Territorium der modernen Ukraine leben, sowie in den meisten Ländern mit slawischer Kultur diese Geste leicht erkennen - Dulya, Figa, Kukish, Shish (Betonung auf der ersten Silbe) - eine Faust mit dem Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger. Unsere Gruppe von Erwachsenen vom *project OPEN erkannte diese Geste sofort und war überrascht, sie in der Ausstellung zu sehen. Im modernen Verständnis symbolisiert es die Abwesenheit von etwas oder die Weigerung, es zu geben: «Keine für dich!» = «Dulia!» / «Feige!», du kannst die Geste mit oder ohne Worte verwenden. Es hat keinen sexuellen Unterton im modernen Verständnis, und sogar Kinder können es verwenden.

Historisch gesehen diente die Geste als universelles Handzeichen gegen Gefahr, bösen Einfluss und sogar schlechtes Wetter. Dem Glauben nach besaß «Figa» magische Eigenschaften, um Hexen abzuwehren - «Figa» in der Tasche zu haben, sollte Hexen davon abhalten, sich der Person zu nähern. Darüber hinaus glaubte man, dass im Falle eines Gerstenkorns am Auge das unerwartete Zeigen von «Figa» dem Patienten die Krankheit heilen würde.

Die Teilnehmer*innen des *projekt OPEN sind neugierig – ist diese Geste für Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen erkennbar, wird sie heute noch verwendet und welche Bedeutung hat sie für sie?

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Reply from Matthias Haldemann
On May 2, 2024
Liebe Liudmilla, Interessant, wie ihr die Faustgeste bei Kiesler deutet! Dazu kann ich aus meiner Forschung über Kiesler etwas ergänzen. Die auf der abgebildeten Zeichnung von ihm dargestellte Faust, die von der Decke in den Raum stösst, zeigt seine erste Plastik. Er hat sie aus Gips für die Surrealistenausstellung 1947 in Paris gemacht. Sie befand sich in dem von ihm gestalteten «Raum des Aberglaubens». Der Aberglaube des modernen Menschen sei sein Versuch, sich in sich zurückzuziehen, um Sicherheit zu finden, schrieb er damals. Nach dem Krieg war für ihn die Beziehung des Menschen mit anderen und mit der Umgebung sehr wichtig. Auch Kunstwerke sollten nicht isoliert sein. So verknüpfte er im «Raum des Aberglaubens» viele Kunstwerke mehrerer Künstler:innen. Seine Entwurfszeichnungen halfen ihm, dass der Gesamtraum nicht als «Arrangement von Bild, Skulptur und ‘Architektur’» erscheine, sondern als ein «einheitlicher Organismus» und: als «geballte Faust künftiger Kraftentfaltung». Die Gesamtzeichnung und jedes Detail der Struktur, ihre Form, ihre Farbe, ihre Mechanismen seien Zeugnis einer Transformation psychischer Werte in physische Konfigurationen. Auf diese Art werde ein Durchdringen verschiedener Ausdrucksweisen erzielt, ein Resultat, das eher dem Wachstum als geschickt berechnetem Additionsverfahren zu danken ist.» Er liebe das «zauberhafte Handwerk» der Pinselmalerei mit Farbe: «Wir werden Kinder beim Zusehen. Der Maler ist ein wirklicher Magier der Transformation.» Dieselbe Architektur konnte beim Betrachten auch Bild und Skulptur werden. Gegen den Aberglauben der Selbstisolation erschien die «Salle de Superstition» für ihn als ein «von den Hülsen traditioneller Ästhetik» befreites Haus, als eine «lebendige Kreatur». Liudmila, was meinst du dazu? Liebe Grüsse Matthias