
Meret Oppenheim
Urzeit Venus
Die «Urzeit Venus» geht auf einen Entwurf von 1933 zurück, der im Umfeld des Pariser Surrealismus entstand. Meret Oppenheim war 1932 gemeinsam mit ihrer Freundin Irène Zurkinden nach Paris aufgebrochen, wo sie bald in engen Austausch mit Kunstschaffenden der Avantgarde trat, darunter André Breton, Max Ernst, Alberto Giacometti, Man Ray, Hans Arp und Pablo Picasso.
In den 1960er-Jahren nahm sie das Motiv der Venus wieder auf und führte die Idee in Terrakotta aus (Kunstmuseum Solothurn); 1978 folgte die autorisierte Bronze-Edition. Formal erscheint die Skulptur als kompakte, stark abstrahierte Körperform. Anatomische Details sind weitgehend unkenntlich. Die Gestalt bildet ein geschlossenes, nach oben hin verjüngtes Volumen. Ein gerundeter «Bauch» bestimmt die Silhouette; seitliche Ausbuchtungen lassen sich als Brüste oder als angedeutete Beine interpretieren. Die Rückseite ist von horizontal umlaufenden Rillen durchzogen, die sie in segmentartige Zonen gliedern und ihr eine beinahe panzerartige Anmutung verleihen, während die Vorderseite weich gerundet bleibt.
Der Titel verweist auf eine lange kunsthistorische Tradition. Das Venus-Motiv reicht von vorgeschichtlichen Figurinen wie der sogenannten «Venus von Willendorf», deren betonte Körperformen häufig mit Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht werden, über die idealisierte Venus der Renaissance, etwa in Sandro Botticellis «Geburt der Venus», bis hin zu den geschlossenen, klassisch wirkenden Frauenfiguren eines Aristide Maillol im frühen 20. Jahrhundert. Oppenheims Venus erinnert an archaische Idole, ohne deren eindeutige Zeichenhaftigkeit zu übernehmen. Eine gewisse Sinnlichkeit ist der gerundeten Körperform eingeschrieben, bleibt jedoch vage. So erscheint die Venus weder als klar bestimmtes Fruchtbarkeitssymbol noch als idealisierte Verkörperung weiblicher Schönheit, sondern als autonome, ambivalente Präsenz – eine Gestalt, die Tradition aufruft und sich zugleich ihrer Festschreibung entzieht.
In der «Urzeit Venus» verdichtet sich Oppenheims Verständnis von Kunst als selbstbestimmter Umgang mit Tradition und Konvention. Indem sie ein historisch stark besetztes Motiv aufgreift und in eine schwer festlegbare Form überführt, behauptet sie künstlerische Autonomie. Die Skulptur entzieht sich ästhetischen Idealen ebenso wie gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen und formuliert die Venus neu – als eigenständige Setzung.
Text: Silvano Frei