
Max von Moos
Ohne Titel
Max von Moos malt sich selbst in zügigen, teils kreisenden Strichen. Als die Selbstzeichnung mit Tusche und Kugelschreiber 1964 entstand, befand sich der Künstler in einer Phase des äusseren Erfolgs: Bereits 1961 hatte ihm das Kunstmuseum Luzern eine Retrospektive ausgerichtet; 1963 war er vom Luzerner Regierungsrat zum Professor an der Kunstgewerbeschule Luzern ernannt worden, an der er seit 1933 unterrichtete; und die Verleihung des Kunstpreises der Stadt Luzern lag nur noch zwei Jahre in der Zukunft.
Von dieser zuversichtlich stimmenden Lebenslage lässt das Selbstbildnis von 1964 jedoch wenig erkennen – im Gegenteil. Die Darstellung wirkt nervös und unstet. Max von Moos blickt uns mit aufgerissenen, angsterfüllten Augen an. Mehr noch: Die Augen sind mit einem Band horizontaler Striche übermalt. Gerade sie – und damit das Sehen selbst – scheinen im Zentrum dieser Selbstauseinandersetzung zu stehen.
Das Blatt gehört zu einer grossen Gruppe von Selbstporträts – mehr als 1000 solcher Zeichnungen befinden sich heute im Kunsthaus Zug. Nachdem sich Max von Moos bereits als Jugendlicher wiederholt selbst dargestellt hatte, kehrt das Selbstporträt in den späten 1940er-Jahren als wiederkehrendes Motiv in sein Werk zurück. Die in tausendfacher Ausführung zwischen 1947 und seinem Tod entstandenen Blätter dokumentieren einen Prozess fortlaufender Selbstbefragung.
Fast ausnahmslos zeigen sie den isolierten Kopf, frontal oder im Profil, ohne Körper und ohne räumliche Einbettung. Während in den 1940er-Jahren noch Darstellungen entstehen, die den Künstler beinahe jugendlich erscheinen lassen, wird das Selbstporträt zunehmend zum Schauplatz der Auseinandersetzung mit Gefühlen wie Zerrissenheit, Angst und Zweifel. Viele der Gesichter wirken maskenhaft, fragmentiert oder hohl.
Auffällig ist – wie auch im vorliegenden Beispiel – die Behandlung der Augen. In zahlreichen Selbstporträts werden sie isoliert hervorgehoben, stark konturiert oder bewusst ausgespart. Diese bildnerische Fixierung hat einen biografischen Hintergrund: Max von Moos litt über Jahre hinweg an schweren Augenproblemen, die sich in den 1970er-Jahren dramatisch verschärften. Zeitweise war er auf einem Auge vollständig blind, auf dem anderen nur noch eingeschränkt sehend. Der Verlust des Sehens hinterlässt in diesen Blättern eine sichtbare, existenzielle Spur.
Text: Jana Bruggmann