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Max von Moos

Atomexplosion

1964
Acryl und Tempera auf Holz
Objektmass: 109 x 85 cm
Kunsthaus Zug, Schenkung Max von Moos Stiftung
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Die Arbeit «Atomexplosion» von 1964 gehört zu jener klar umrissenen Werkphase, in der sich Max von Moos ab Mitte der 1950er-Jahre intensiv mit der tachistischen Bildsprache auseinandersetzte. Der Tachismus (vom Französischen «la tache» = Farbfleck), der sich in den 1940er-Jahren in Paris entwickelte, bezeichnet eine Richtung der informellen abstrakten Malerei, die von Formauflösung, spontanen Setzungen, gestischer Bewegung und offenen Bildstrukturen geprägt ist. Im europäischen Nachkriegskontext entstand diese Strömung zeitgleich mit verwandten gestischen Malweisen in den Vereinigten Staaten, insbesondere dem Abstrakten Expressionismus.

Das Bild «Atomexplosion» entfaltet sich als dicht geschichtetes Farbgeschehen. Leuchtende Orange-, Gelb- und Rottöne dominieren das Zentrum, überlagert von dunklen, teils eruptiv wirkenden Farbspuren. Die Farbe scheint gespritzt, geschleudert oder in Bewegung geraten zu sein; feste Konturen oder gegenständliche Anhaltspunkte fehlen. Dem Titel gemäss entsteht der Eindruck eines explosionsartigen Ausbruchs: Farbpartien breiten sich aus, stossen aufeinander und verdichten sich wieder. Helle und dunkle Zonen stehen in einem spannungsvollen Verhältnis zueinander. Trotz der offenen Malweise bleibt die Komposition kontrolliert, der Bildraum wirkt geschlossen und konzentriert.

Den entscheidenden Impuls für seine tachistische Werkphase erhielt Max von Moos im Oktober 1955, als er mit seiner Form-und-Farbe-Klasse die Ausstellung «Tendances actuelles III» in der Kunsthalle Bern besuchte. Gezeigt wurden dort erstmals in der Schweiz Arbeiten amerikanischer Künstler wie Jackson Pollock, Mark Tobey und Sam Francis, deren gestische Malweise und offener Umgang mit dem Bildfeld auf von Moos und seine Schüler einen nachhaltigen Eindruck hinterliessen. In der Folge begann er, mit tachistischen Maltechniken zu experimentieren. Zugleich betonte er jedoch selbst, dass nicht allein diese Ausstellung ausschlaggebend war. Entscheidend war für ihn der geistige Hintergrund des Atomzeitalters. «Meine tachistische Epoche wurde ausgelöst durch die Atombombe», erklärte er 1976 in einem Interview. In diesem Zusammenhang verstand er den Tachismus als Ausdruck einer tiefgreifenden Veränderung des künstlerischen Denkens: «Für mich ist der Tachismus eine Folge der Kernspaltung in der Kunst, nämlich einer Dynamisierung der Materie, die erst nach Hiroshima in das allgemeine Bewusstsein eingegangen ist.»

Der Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki bedeutete für von Moos eine tiefgreifende Zäsur, die er als Steigerung der «Perversität der Welt» verstand. In dieser Situation erschien ihm die tachistische Malerei als die adäquate künstlerische Antwort auf das Atomzeitalter – als eine Bildsprache, die der Erfahrung von Instabilität, Zerstörung und Dynamisierung der Materie am ehesten gerecht wurde. Nach zwei Weltkriegen stellte das Atomzeitalter mit seiner zerstörerischen Kraft eine erneute und verschärfte Infragestellung humanistischer Werte dar. «Atomexplosion» bündelt diese Erfahrung zu einem Bild existenzieller Dringlichkeit, in dem sich Zeitdiagnose und moralische Erschütterung überlagern.

Text: Silvano Frei