×

Max von Moos

Totenparade

1962
Öl auf Holzfaserhartplatte
Objektmass: 104 x 158 cm
Kunsthaus Zug, Dauerleihgabe Sammlung Wandeler, Luzern
Mehr Informationen

Die «Totenparade» von 1962 gehört zu den zentralen Werken im Spätwerk von Max von Moos. Sie greift ein Motiv auf, das in der Kunst des 20. Jahrhunderts wiederholt erscheint: die Reihung von Figuren in Form einer Parade oder Prozession. Während das Paradenmotiv in älteren Bildtraditionen häufig Gemeinschaft, Ordnung oder Macht visualisiert, wird es in der Moderne zu einer zunehmend ambivalenten Bildform. Die gereihte Figurengruppe dient nun weniger der Darstellung eines konkreten Ereignisses als der Verdichtung sozialer und existenzieller Zustände. Figuren erscheinen nicht als individuelle Porträts, sondern als typisierte Gestalten in serieller Ordnung, wie sie sich – in jeweils unterschiedlicher Ausprägung – bei Künstlern wie Fernand Léger, Otto Dix, George Grosz oder Max Beckmann finden.

Von Moos’ «Totenparade» zeigt fünf frontal ausgerichtete Figuren, dicht aneinandergedrängt. Ihre Körper wirken blockhaft und schwer, aus vereinfachten, teils fragmentierten Volumina zusammengesetzt. Köpfe, Rümpfe und Gliedmassen erscheinen maskenhaft reduziert; organische Formen verbinden sich mit technisch anmutenden Elementen. Anatomische Details – etwa brustartige Formen oder horizontal angelegte, vulvenähnliche Öffnungen – legen eine weibliche Lesart der Figuren nahe. Sie wirken unbeweglich und anonym, durch eine starre Reihung angeordnet, in der Austausch und Beziehung stark zurücktreten. Der Bildraum bleibt geschlossen; die gedämpfte Farbigkeit und das Fehlen räumlicher Tiefe verstärken den Eindruck von Starre und innerer Spannung.

Die serielle Reihung der Figuren verweist nicht nur auf Hodlers Parallelismus, sondern – der Titel macht es explizit – auch auf die Tradition des Totentanzes. Ein allegorisches Motiv aus dem 14. Jahrhundert, das an die Gleichheit aller Menschen vor dem Tod erinnert. Max von Moos greift dieses Motiv auf, löst es jedoch aus seiner erzählerischen Struktur. In der «Totenparade» gibt es keinen personifizierten Tod und keine dialogischen Szenen. Der Tod erscheint nicht als handelnde Figur, sondern als Zustand, der alle Gestalten gleichermassen umfasst. Parade und Totentanz verschränken sich zu einer starren Ordnung, in der Ritual, Gleichförmigkeit und Endlichkeit ineinandergreifen. Für von Moos, der in einem katholisch geprägten kulturellen Umfeld aufwuchs, waren Prozessionen und Totentanzdarstellungen vertraute Bildformen. Das Werk greift diese Ordnungen auf und transformiert sie in eine zeitgenössische Bildsprache.

Entstanden zu Beginn der 1960er-Jahre, ist die «Totenparade» nicht zuletzt als Zeitbild zu lesen. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und die Spannungen des Kalten Kriegs prägen den geistigen Horizont dieser Jahre. In vielen Werken von Max von Moos erscheinen Menschen als Teil anonymer Ordnungen, in denen individuelle Züge zurücktreten. Die «Totenparade» führt diese Sichtweise konzentriert zusammen. Von Moos verstand solche Arbeiten nicht nur als persönliche Aussagen. Vielmehr begreift er sie als bewusste Zeitdiagnosen, die gesellschaftliche Zustände sichtbar machen und die Betrachter:innen mit Fragen nach Ordnung, Vergänglichkeit und menschlicher Verletzlichkeit konfrontieren.

Text: Silvano Frei