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Heidi Bucher

Strong John (Hockeyhose)

1977
Latex, Textil und Perlmuttpigment
Objektmass: 100 x 160 x 7 cm
Kunsthaus Zug, Schenkung Anne Rotzler, Hausen am Albis
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Die Arbeit «Strong John» der in Winterthur geborenen Künstlerin Heidi Bucher zeigt eine gepolsterte Hockeyhose, deren Form in Latex und Textil abgenommen und durch Perlmuttpigment in eine bräunliche, leicht transluzente, schimmernde Oberfläche überführt wurde. Nähte, Falten und die verstärkten Polsterpartien der Sporthose sind im Abdruck erkennbar und zeichnen die funktionale Struktur des Kleidungsstücks nach. Der Körper, für den diese Schutzkleidung bestimmt war, fehlt jedoch. Was zurückbleibt, ist eine Hülle, deren Oberfläche an eine abgelegte Haut erinnert und indirekt auf den Körper verweist, der die Hockeyhose einst trug. Gleichzeitig erscheint die Hockeyhose in ihrer ausgebreiteten Form verwandelt: Die Schutzkleidung wird auf den ersten Blick unkenntlich, da ihre Form weniger an ein funktionales Kleidungsstück als an die Flügel eines Falters oder Vogels erinnert.

Die Auseinandersetzung mit Körper, Material und Hülle zieht sich als zentrales Thema durch Heidi Buchers Werk. Während ihrer Ausbildung an der Kunstgewerbeschule in Zürich – unter anderem bei Johannes Itten und Max Bill – setzte sich Bucher mit Fragen von Form und Material auseinander. Der Unterricht bei der Textilkünstlerin Elsi Giauque vermittelte ihr einen experimentellen Umgang mit Stoffen und textilen Materialien. Bereits in ihren frühen Modeskizzen behandelt Bucher den Körper weniger als eine gegebene natürliche Form denn als gestaltbares Volumen. Diese Beschäftigung mit Hülle, Material und Körper setzte Bucher Anfang der 1970er-Jahre während ihres Aufenthalts in Kalifornien in ihren sogenannten «Bodyshells» fort. Die tragbaren Körperskulpturen verbanden Elemente von Mode, Skulptur und Performance und untersuchten das Verhältnis von Körper, Bewegung und Hülle. Die voluminösen Formen umgaben den Körper wie überdimensionierte zweite Häute und verschoben bewusst die Grenze zwischen Kleidung und Skulptur.

Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz im Jahr 1973 entwickelte Bucher aus diesen körperbezogenen Experimenten ihre späteren Latexarbeiten und sogenannten Häutungen, die zu den zentralen Werkgruppen ihres Œuvres zählen. Dabei überzog oder tränkte sie zunächst körpernahe und häusliche Textilien wie Kleider, Kissen und Decken mit Latex; später übertrug sie dieses Verfahren auf Türen, Innenräume, Möbel und architektonische Elemente. Nach dem Trocknen liessen sich die Latexschichten ablösen, sodass dünne, flexible Häute entstanden. Das irisierend schimmernde Perlmuttpigment verlieh ihnen jene transluzente, hautartige Oberfläche, die Buchers Bildsprache prägt.

Der Prozess des Abziehens der Latexschichten – das eigentliche «Häuten» – wurde damit zu einem zentralen Bild für Verwandlung und Metamorphose. Bucher verstand ihre künstlerische Arbeit als einen Prozess der Transformation, bei dem Körper, Räume und Objekte ihre festen Formen verlieren und als fragile Hüllen weiterbestehen. Ein wichtiges Sinnbild dafür war Bucher die Libelle, die ihre Larvenhaut abstreift und verwandelt weiterfliegt.

Vor diesem Hintergrund lässt sich «Strong John» als Versinnbildlichung von Transformation lesen. Das Kleidungsstück erscheint wie eine zurückgelassene Haut, die den Körper einst umschloss und schützte. Buchers Latexarbeiten erscheinen weniger als traditionelle Skulpturen denn als Prozesse des Abdrucks und der Verwandlung. Indem sie alltägliche Gegenstände in fragile Häute überführt, richtet die Künstlerin den Blick auf die Übergänge zwischen Körper und Objekt, zwischen Präsenz und Abwesenheit. Die Hülle bewahrt eine Form, ohne den Körper selbst zu enthalten. Gerade in dieser Leerstelle wird sichtbar, wie sehr Körperlichkeit, Erinnerung und Identität in materielle Strukturen eingeschrieben sind.

Text: Silvano Frei