
Max von Moos
Polyphems Kindheit (auch: Kyklop)
Mit «Polyphems Kindheit» (1960) greift Max von Moos auf einen Stoff der antiken Mythologie zurück, ohne ihn erzählerisch auszuführen oder historisierend darzustellen. Der einäugige Riese Polyphem erscheint nicht als monströser Gegner des Odysseus, sondern als archaisch anmutende Figur, reduziert auf elementare Formen. Ein solcher Rückgriff auf antike Mythen ist in der Moderne, insbesondere im Umfeld des Surrealismus, vielfach zu beobachten. Er zielt weniger auf die Rekonstruktion einer überlieferten Erzählung als auf die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten und die Freilegung grundlegender Erfahrungen menschlicher Existenz.
Das monumentale Gemälde zeigt eine blockhaft komponierte Dreiergruppe, die den gesamten Bildraum ausfüllt und nach hinten abschliesst. Die Figuren wirken wie versteinert: schwer, unbeweglich und massiv organisiert. Dieser Eindruck wird durch die gedämpfte Farbigkeit aus erdigen Grau-, Ocker- und Rosttönen noch intensiviert. Die Körper erscheinen als archaische, bewusst unbestimmte Gestalten zwischen Figur, Objekt und Fragment. Im Zentrum des Bildes steht, durch das einzelne Auge deutlich markiert, die Gestalt des Polyphem. Der massive Körper wirkt wie aus einem Block geformt; seitlich angesetzte Partien erinnern an verschränkte oder eng an den Körper gelegte Arme und verleihen der Figur eine ausgeprägt kultische Präsenz. Die beiden flankierenden Gestalten bleiben diffuser: Bei der linken Figur sind andeutungsweise Beine und ein Arm erkennbar, während die obere Partie aus zwei gegeneinander gesetzten Blockelementen besteht, die jede Physiognomie verweigern. Die rechte Figur ist stärker ins Profil gedreht; ihre langgezogene Gestalt weckt Assoziationen an ein Pferd, ohne tatsächlich tierisch ausgearbeitet zu sein. Durch den unteren Bildbereich zwischen Polyphem und der rechten Figur windet sich eine Schlange – ein häufig wiederkehrendes Motiv im Werk von Max von Moos.
Das Auge des Polyphem bildet den ikonografischen und semantischen Mittelpunkt des Bildes. Es ist klar konturiert und hebt sich deutlich von den übrigen Bildelementen ab. Während die Körper der Figuren blockhaft und in sich geschlossen erscheinen, bildet das Auge eine Öffnung innerhalb dieser kompakten Struktur. Seine präzise, beinahe grafische Ausführung kontrastiert mit der schweren Materialität der übrigen Formen und zieht den Blick unmittelbar auf sich. In dieser formalen Hervorhebung kommt dem Auge eine besondere Stellung innerhalb der Bildordnung zu: Es markiert einen Punkt gesteigerter Aufmerksamkeit und unterbricht die ansonsten geschlossene, verfestigte Erscheinung der Figurengruppe. Damit knüpft das Werk an ein zentrales Motiv im Œuvre von Max von Moos an. Bereits im Frühwerk rückt das Auge immer wieder ins Zentrum des Bildgeschehens – häufig als gefährdetes, verdecktes oder bedrängtes Organ. Vor diesem Hintergrund lässt sich das Motiv auch als Ausdruck einer grundlegenden Unsicherheit des Sehens lesen: Wahrnehmung erscheint nicht selbstverständlich, sondern als fragiler, stets prekärer Vorgang. Diese Fragilität erhält durch von Moos’ langjähriges Augenleiden auch eine biografische Resonanz.
«Polyphems Kindheit» steht exemplarisch für Max von Moos’ Auseinandersetzung mit der Antike. Bereits während seiner Studienzeit in München zu Beginn der 1920er-Jahre prägten ihn die wiederholten Besuche der Glyptothek, des Museums für antike Skulptur. Spätere Reisen nach Italien und Griechenland vertieften diese Beziehung; dort entstanden zahlreiche präzise Zeichnungen von Landschaften, Städten und architektonischen Fragmenten. In seinem eigenständigen künstlerischen Werk erscheint die Antike jedoch fast ausschliesslich als brüchiges, fragmentiertes Bildreservoir. Darin verdichten sich Max von Moos’ Befürchtungen und Sorgen um den Zerfall humanistischer Werte angesichts der politischen, gesellschaftlichen und zivilisatorischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts.
Text: Silvano Frei