
Hannah Villiger
Block XXII
Die «Block»-Arbeiten der gebürtigen Zuger Künstlerin Hannah Villiger gehören zu den zentralen Werkgruppen ihres fotografischen Œuvres. In ihrem Frühwerk arbeitete Villiger zunächst in verschiedenen Medien: mit skulpturalen Objekten, Zeichnungen und fotografischen Aufnahmen. Allmählich trat die Fotografie immer stärker in den Vordergrund und wurde zu ihrem zentralen künstlerischen Ausdrucksmittel. Einen entscheidenden Wendepunkt markiert das Jahr 1980, als Villiger aufgrund einer offenen Tuberkulose längere Zeit isoliert im Krankenzimmer des Basler Kantonsspitals verbringen musste. In dieser Situation begann sie intensiv mit der Polaroidkamera zu arbeiten und machte erstmals ihren eigenen Körper zum Ausgangspunkt der Bildproduktion. Ausgehend von diesen Polaroidvorlagen entwickelte sie eine Arbeitsweise, bei der die Aufnahmen über ein Internegativ vergrössert und auf Aluminiumplatten aufgezogen wurden. Ab 1988 entstanden daraus die sogenannten «Blöcke»: mehrteilige Bildgruppen aus sechs, zwölf oder mehr Fotografien.
«Block XXII» besteht aus sechs quadratischen Farbtafeln, die in zwei Reihen zu je drei Bildern angeordnet sind. Jede Aufnahme zeigt nur einen fragmentierten Körperausschnitt – ein orientierender Überblick wird konsequent verweigert. Zu sehen sind Hautpartien, Haaransätze, Rundungen, Vertiefungen und Falten, die sich teilweise als Bereiche von Schulter, Nacken oder Hinterkopf erkennen lassen. Die einzelnen Tafeln stehen in enger Beziehung zueinander: Körperformen scheinen sich von einem Bild ins nächste fortzusetzen, helle Zonen treten in Spannung zu dunkleren Schattenpartien, weich modellierte Flächen werden durch abrupte Ausschnitte unterbrochen. So entsteht ein Rhythmus von Verdichtung und Auflösung, der den Block als zusammenhängendes Bildgefüge erfahrbar macht, ohne dass sich daraus ein eindeutig lesbarer Körper zusammensetzt. Aufgrund der extremen Nähe bleibt der Körper als Ganzes ungreifbar; sichtbar werden nur Fragmente, die sich zwischen Intimität und Distanz bewegen.
Gerade in dieser radikalen Nähe und Fragmentierung zeigt sich Villigers spezifischer Umgang mit Körperlichkeit. Anders als etwa bei Cindy Sherman, die den eigenen Körper als Bühne für Rollenbilder und mediale Identitätsentwürfe nutzt, oder bei John Coplans, der die Vergänglichkeit des Körpers thematisiert, interessiert Villiger weder Selbstinszenierung noch biografische Narration. Der Körper erscheint vielmehr als Oberfläche, die mit der fotografischen Bildhaut nahezu verschmilzt. Bedeutung entsteht nicht durch Verweise auf eine persönliche Geschichte oder ein «Inneres», sondern aus der unmittelbaren Begegnung mit Körperlichkeit.
Die Fotografien der «Blöcke» treten nicht nur untereinander in Beziehung, sondern stehen zugleich in einem direkten Verhältnis zum umgebenden Raum. Wie Hannah Villiger selbst notierte: «Der die Bilder umgebende Raum greift in die Aufteilung des Blocks ein. Die Bilder sollen stark untereinander verbunden sein, sodass sie eine deutliche Einheit bilden.» Gerade in dieser Verschränkung von Bildstruktur und Raum wird Villigers skulpturales Denken besonders deutlich: Die Fotografien erscheinen nicht nur als Bilder, sondern als Bildobjekte, die sich im Raum positionieren und ihre Wirkung erst im Zusammenspiel mit Wand, Architektur und der Bewegung der Betrachtenden vollständig entfalten.
Text: Silvano Frei