
Max von Moos
Aufschlüsselung
Das Gemälde «Aufschlüsselung» entfaltet eine ebenso rätselhafte wie faszinierende Wirkung: Aus einem schlüssellochartigen Zentrum windet sich ein organisches, wurzel- oder fleischartiges Gebilde, während von den Rändern zwei deformierte Schlüsselbärte in den Bildraum drängen. Was sich hinter der vermeintlichen Tür befindet, bleibt jedoch verborgen und entzieht sich der Sichtbarkeit.
Das Werk weist bereits deutlich surrealistische Elemente auf, zu einem Zeitpunkt, an dem sich Max von Moos stilistisch noch in einer Phase der Findung befindet. Dazu zählen insbesondere die Verfremdung alltäglicher Objekte, ihre Loslösung aus funktionalen Zusammenhängen, die Hybridisierung von Organischem und Mechanischem sowie eine rätselhafte, traumlogische Bildsprache, die sich einer eindeutigen Deutung entzieht. Der sachlich präzise, beinahe kühl modellierte Stil steht in spannungsvollem Kontrast zur irrationalen Bildidee und erzeugt jene Ambivalenz, die für den Surrealismus charakteristisch ist.
Das Motiv des Schlüssels nimmt im Surrealismus insgesamt eine zentrale symbolische Rolle ein. Als alltäglicher Gegenstand, der Öffnung und Verschluss zugleich bedeutet, eignet er sich besonders für jene poetische Strategie, die André Breton als «Auflösung der bisherigen Gegensätze von Traum und Wirklichkeit» beschreibt (Breton, «Manifeste du surréalisme», 1924). Ziel sei es, die «Türen des Unbewussten» zu öffnen. Bei Max Ernst – einem wichtigen Referenzpunkt für Max von Moos – erscheinen Schlösser, Türen und Schlüsselszenen in Collagen und Frottagen wie «Une semaine de bonté» (1934) als Zeichen psychischer Schwellen und verdrängter Triebenergien. Hinzu kommt der psychoanalytische Horizont Sigmund Freuds, der den Schlüssel in der «Traumdeutung» (1900) als mögliches sexuelles Symbol beschreibt, zugleich jedoch auf die grundsätzliche Vieldeutigkeit solcher Zeichen verweist.
Der Schlüssel kann im Werk von Max von Moos daher als symbolisches Werkzeug der Freilegung verstanden werden: Er öffnet Schichten des Bildes ebenso wie des Unbewussten, ohne sie vollständig kontrollierbar zu machen. Das organische Gebilde, das sich durch das Schlüsselloch windet, verweist gerade auf dieses Moment des Unverfügbaren. Im Gemälde «Aufschlüsselung» wird das Geheimnis somit nicht aufgehoben. Der Schlüssel wird weniger als praktisches Werkzeug denn als epistemisches und imaginäres Symbol wirksam: Er verspricht Zugang, ohne je eine endgültige Enthüllung herbeizuführen.
Text: Jana Bruggmann